Der perfekte Charakter

Meine Umfrage zum Thema: Was ist für dich der perfekte Charakter?

Der perfekte Chara ist als Charakter in sich nicht perfekt. Er nörgelt, flucht vielleicht. Hat viele Ecken und Kanten. Er ist nicht unbedingt Model oder Firmenchef oder Alpha eines Rudels. Er muss auch kein Mörder sein. Der perfekte Charakter ist unperfekt.

Ich spiele seit fast 8 Jahren Rollenspiele und in dieser Zeit wandelte sich meine Vorstellung vom „perfekten Chara“ sehr stark. Meine ersten Erfahrungen in schriftlichen RPGs sammelte ich in der Welt der Wolfsforen, zuvor war ich in Sternchen-RPGs, die keine Charakterbögen hatten. Mein erster Chara war eine Fähe, die die selben Eigenschaften wie ich selbst trug – das war für mich als Anfänger am leichtesten. Diese Fähe spiele ich heute immer noch und trotz meiner wenigen Erfahrungen am Anfang finde ich sie ein sehr ausgewogenen Chara, einfach, weil sie Stärken und Schwächen besitzt. Meine weiteren „Anfängercharaktere“ waren nicht so. Da war zum Beispiel der typische Klischee-Alpha, der pechschwarz war, seine Familie ermordet hatte und weiterhin ein kaltschnäuziger Killer war – jedoch eine weiche Seite hatte, die er nur seiner Gefährtin zeigte. Weiterhin hatte ich viele Charaktere mit Macken – Behinderungen und Erkrankungen, weil es damals auch irgendwie „in“ war und ich unbedingt zeigen wollte, sowas auch spielen zu können.
Rückblickend sind diese Charas von mir alle schlecht erdacht und ebenso schlecht gespielt gewesen. Sie handelten immer gleich und nach festgefahrenen Mustern. Das ist meiner Meinung nach das größte Problem dieser Charaktere: jeder Post versteift sich auf das signifikante Merkmal (der Antisoziale/Schizoide, der Autist, die Blinde etc.) und nicht auf die Interaktion und Weiterentwicklung im RPG-Geschehen.Meine Vorstellungen wandelten sich immer wieder. Heute denke ich von mir behaupten zu können, wirklich durchdachte und sinnvolle Charaktere zu besitzen, die sich weiter entwickeln können. Das brauchte natürlich seine Zeit. Und vor allem auch die Fähigkeit zur Kritik. Ohne realistische Selbsteinschätzung und Kritik meines Charas von außerhalb wäre ich heute nicht da angelangt, wo ich jetzt stehe.Für mich bedeutet ein perfekter Chara also:
– vielfältige, durchdachte Reaktionen im Rollenspiel: nicht immer dasselbe Handlungsmuster (abweisend-aggressiv, schüchtern-devot etc), sondern zum Char passende, wirklichkeitsnahe Handlungen
– Realismus und Ausgeglichenheit: auch in Fantasy-Rollenspielen ist niemand perfekt, unausgeglichene Charas fördern Powerplay
– nicht dem Zwang unterliegen, jeden Char supereinmalig machen zu wollen: nicht jeder Char muss ein „Sparkledog“ sein, um sich von der Masse abzuheben, man muss nicht die schlimmste und tragischste Geschichte haben, man muss nicht die seltenste psychische oder physische Erkrankung haben, um „besonders“ zu sein
– erst durch ein gutes Rollenspiel wird man in einzigartiger Rollenspieler (der aktiv ist, auf andere eingeht, Gelegenheiten zur Reaktion bietet und keine Angst hat, etwas zu wagen)
– Nachvollziehbarkeit: jeder hat Schwächen und Ängste. Diese aber aus dem nichts herbeizuschwören, weil man mindestens 3 im CB angeben muss, zeugt aber nicht davon, das ein Char durchdacht ist. Jede Angst kann begründet werden, jede Schwäche sollte verstanden werden können.Jeder kann einen perfekten Char entwickeln. Es ist kein Zauberwerk. Es bedeutet nur Übung und Arbeit und das nicht nur, wenn man den CB schreibt. Auch im Rollenspiel, bei jedem einzelnen Post, sollte man gewillt sein, aus seinem Char das Beste (oder Schlechteste) herauszuholen.

Der perfekte Charakter hat Schwächen und Stärken, Ziele und Motivationen. Er ist angreifbar und muss auch mal einstecken. Er hat Gefühle und lässt sich manchmal von ihnen leiten, auch und gerade in Fehlverhalten hinein. Er tritt selbstständig mit Anderen in Kontakt, und hat etwas zu erzählen, sei es um seine Pläne zu erfüllen oder um Bindungen aufzubauen. Der perfekte Charakter hat einen ausgearbeiteten Hintergrund, und das ein oder andere Geheimnis. Er kann aggressiv oder friedlich auftreten. Das Sahnehäubchen gibt es wenn er polarisiert und somit Spiel und Gesprächsstoff für alle bietet.

Der perfekte Charakter ist für mich ein Charakter, der für Überraschungen sorgt. Nicht nur mit jedem Plot, sondern sogar mit einer kleinen Überraschung in jedem einzelnen Post – er entwickelt sich von selbst, löst sich vom Bildschirm und bekommt ein Eigenleben, sodass man für einen Moment stockt und sich denkt „Moment mal…“.Ein perfekter Charakter ist imperfekt. Er hat Macken, schlechte Angewohnheiten, übetreibt es auch mal mit etwas, denkt nicht immer an alles… Aber er verbleibt nicht für immer so. Ein perfekter Charakter verändert sich – ob nun aus eigener Kraft oder mit der Hilfe anderer Wölfe. Er versucht auszubrechen, wenn er sich in einem Teufelskreis befindet – auch wenn es nicht sofort gelingt.Ein perfekter Charakter darf auch oft daneben liegen und auf die Schnauze fallen – und dann darf er auch eine Weile lang sich weigern, wieder aufzustehen. Er darf auch den falschen Weg nehmen, und ihn bis ins Verderben verfolgen – kurz : er darf irren, soll es sogar. Ein perfekter Charakter lebt zwischen den einzelnen Posts weiter, atmet sogar zwischen den Zeilen und gibt einem erst das Gefühl, dass man ihn in- und auswendig kennt – nur um einem danach zu zeigen, dass man eigentlich überhaupt keine Ahnung hat, wer er eigentlich ist.

Der perfekte Charakter ist für mich so komplex, durchdacht und verworren, dass ich ihn nicht im verlangten Charakterbogen wiedergeben kann, aber beim Schreiben des Rollenspieltextes jede seiner Handlungen für ihn logisch erklären und begründen kann, ohne mir groß Gedanken über sein mögliches Verhalten machen zu müssen. Ich möchte mich nicht erst auf die Rolle des Charakters einspielen müssen die ich für wenige Minuten übernehme, sondern möchte von jetzt auf gleich mein Leben und meine Welt verlassen können, um ohne große Anstrengungen oder Überlegungen in die Lebens- und Gedankenwelt meines ‚perfekten‘ Charakters einzutauchen. ‚Perfekt‘ bedeutet für mich, dass ich beim Schreiben nicht bewusst nachdenken muss, sondern der Charakter für diese paar Minuten die Leitung übernimmt und ich sein Leben lebe, dass er ich ist, damit ich von meinem eigenem Leben einmal abschalten kann und selbst die unbewussten Sorgen und Probleme ablegen kann. Der perfekte Charakter für mich schreibt sich von selbst und lässt mich meine eigene Welt für den Moment vergessen, damit ich ‚abschalten‘ kann.

 The perfect character is perfectly imperfect.

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