Die Sache mit der Inaktivität

Ein Thema, an dem man nicht vorbei kommt, wenn es um Forenrollenspiel geht:
Inaktivität.

Jeder hat damit schon mal zu tun gehabt. Entweder, weil man sich über Spieler ärgern muss, die plötzlich keine Beträge mehr schreiben und ihre Mitspieler ewig warten lassen, oder weil man selbst dieser Spieler ist.
Ich selbst war schon in beiden Situationen.
Hier ein Versuch, die Beweggründe beider Seiten zu durchleuchten:

Beispiel 1: Ich hab mir das anders vorgestellt.

Um inaktiv zu werden, muss ein Spieler natürlich erst mal aktiv gewesen sein. Er wird sich eines Tages für ein Forum begeistert haben, er hat mühsam ein Charakterkonzept entwickelt und nun grünes Licht für seinen Einstieg im Plot bekommen.

Und hier stoßen viele auf ihr erstes Hindernis:
Denn in deinem Kopf und auf dem Papier klingt dein Charakter großartig. Du hast dir schließlich solche Mühe gemacht, hast ihm eine originelle Hintergrundgeschichte gegeben, seine Familie bis zum Großcousin ausgearbeitet und sein Aussehen bis in in die letzte Haarspitze beschrieben. Du hast dir vorgestellt wie dein Charakter spannende Situationen meistert, wie die anderen ihn bewundern, oder fürchten, oder toll, originell oder lustig finden. Du hast dir eben vorgestellt, das sie ihn genauso lieben, wie du ihn.
Beflügelt durch diese Euphorie schreibst du deinen ersten Post. Du bist begeistert und kannst es gar nicht abwarten, wie die anderen Charaktere reagieren werden.

Dann kommen die ersten Reaktionen:
Erstmal bekommst du eine Nachricht von der Spielleitung, die dich bittet die wörtliche Rede in deinem Text kursiv zu schreiben. Okay, das hast du im Eifer des Gefechts übersehen. Kann mal passieren.
Es dauert nicht lange, dann antworten die Spieler, die du mit deinem Charakter angesprochen hast. Aufgeregt liest du ihre Beiträge, bist gespannt, wie ihre Charaktere auf deinen reagieren.
Und dann das:
Niemand versteht den Witz, den du gemacht hast und keiner ist beeindruckt von deinem souveränen Auftreten. Oder du warst höflich, zurückhaltend und ruhig, und trotzdem verhalten sie sich ganz anders, als du es dir vorgestellt hast. Plötzlich zerfällt das perfekte Bild, was du von deinem Charakter und deinem Rollenspiel hattest, weil du nicht so schreiben kannst, wie du eigentlich wolltest. Spieler schreiben dir und kritisieren deinen Schreibstil, deine Rechtschreibung oder die Entscheidungen die du im Rollenspiel triffst.
Das zieht einen runter. Du bist in einer Situation gelandet, für die du keinen Plan hast. Vielleicht sind dir die Charaktere deiner Mitspieler auch total unsympathisch.
Aber was sollst du denn jetzt mit denen machen?
Du brauchst eine ganze Weile für den nächsten Post. Es zieht sich. Eigentlich möchtest du gar nicht in dieser Situation sein, aber jetzt bist du schon mal hier und einfach wieder gehen ist dir auch zu blöd. Du gibst dem ganzen eine Chance. Es kann schließlich auch besser werden.

Es wird nicht besser.
Dein Charakter ist mittlerweile unspielbar. Vielleicht ist er zu schüchtern und scheu, um von sich aus auf andere zu zugehen. Er ist immer von anderen abhängig. Oder sein Verhalten stößt immer auf Abwehr und Ablehnung. Er klang großartig als du ihn aufgeschrieben hast, aber im Spiel erweist er sich als widerspenstig und zäh.
Irgendwann gibst du auf. Man hat dich mehrmals angeschrieben. Die Spielleitung und auch andere Spieler fragen dich, wann dein nächster Post kommt. Sie wollen weiter spielen. Aber du bist gedanklich schon längst ausgestiegen.

Beispiel 2: Ich will ja gerne, aber…

Du liebst Rollenspiel.
Mit anderen Spielern agieren ist das größte für dich. Deine Charaktere kommen gut durch schwierige Situationen, Posts schreiben ist für dich ein leichtes…
Wäre da nicht das sogenannte „Reallife“.
Nach der Schule hast du noch Klavierunterricht, dann bist du erst um 19Uhr daheim und dann wolltest du noch mit Freunden skypen. Okay, dann postest du morgen. Ach nee, da ist ja Handballtraining und danach bist du so müde. Mensch, das ist aber auch alles stressig. Wenn du erstmal aus der Schule raus bist, dann wird das besser..
Nach der Schule kommt dann vielleicht die Uni. Du hast Klausurphasen, Deadlines für Hausaufgaben und das Auslandssemester wolltest du auch gerne machen.
Du vertröstest deine Mitspieler. Immer wieder. Es tut dir leid. Zeit findest du trotzdem nicht. Das beste wäre, deine Charaktere aufzugeben, aber du hängst so sehr an ihnen. Dein schlechtes Gewissen gegenüber deinen Mitspielern wird immer größer.
Ins Forum traust du dich kaum noch, aus Angst davor Ärger zu bekommen. Irgendwann lässt du es ganz sein, weil du nicht damit zurecht kommst, sie enttäuscht zu haben.

Beispiel 3: Ich komm nicht mehr rein.

Okay, das ist eine große Gruppe, wo du dich hingespielt hast. Es sind bestimmt, hui, sechs Leute? Das ist eine Menge, aber der Plot ist gerade erst gestartet und am Anfang haben alle fleißig Posts raus gehauen. Du auch, denn wenn alle so flott und zügig schreiben, möchte man natürlich nicht der Bremsklotz sein, der die Gruppe aufhält. Irgendwann fing der erste an, sich Zeit zu lassen. Danach hat der zweite 10 Tage gebraucht für seinen Post, der dritte noch länger…und dann wärst du eigentlich dran.
Es sind über drei Wochen vergangen.
Du hast gar keinen Plan mehr, was eigentlich abgeht. Alles was dein Charakter gefühlt gedacht oder gesagt hat ist weg. Um überhaupt wieder rein zukommen, musst du alle anderen Posts nochmal lesen und die Informationen raus filtern, die du brauchst. Das kostet Zeit. Danach bist du müde und gehst ins Bett, denn jetzt noch einen Post schreiben dauert dir zu lange. Außerdem brauchen die anderen auch so lang, also warum sollst du dich dann beeilen?

Nun die andere Seite:

Die Spielleitung.

Dein Forum läuft lange schon gut und das Rollenspiel gefällt deinen Leuten. Eines Tages bekommst du eine Nachricht von einem interessierten Spieler, er möchte gerne einsteigen. Geduldig beantwortest du ihm all seine Fragen und achtest darauf, das deine Kritik sachlich und konstruktiv ist, schließlich möchte man einen neuen Spieler nicht sofort vergraulen.
Nachdem du seinen Charakter abgesegnet hast, bist du gespannt auf seinen ersten Post. Okay, etwas eigentümlich, aber es ist ja noch kein Meister vom Himmel gefallen. Du gibst weiter Tipps, denn du meinst es nur gut.
Dann wartet man eine Woche auf ihn. Zwei Wochen. Er ist nicht abgemeldet. Andere Spieler aus der Gruppe schreiben dich an, wollen wissen was los ist, aber du bist genauso ratlos wie sie. Du schreibst ihm eine Mail und setzt ihn irgendwann auf die Abschussliste, aber selbst dann rührt er sich nicht. Im Rollenspiel stehen vier Beiträge von ihm, wo er bereits mit anderen Spielern agiert, die nun keinen Mitspieler mehr haben.
Genervt schreibst du den Inaktiven wieder aus deinem Rollenspiel, damit die anderen weiter spielen können. Du ärgerst dich über die verschwendete Zeit, in der du gewiss etwas anderes, nützliches hättest machen können.

Fazit:

Das Problem mit der Inaktivität ist letztendlich ein Kommunikationsproblem.
Neue Spieler, die plötzlich inaktiv werden haben dafür Gründe, die sie ihren Mitspielern vorenthalten. Das ist nicht fair.
Zum Beispiel fühlen sich viele neue Spieler bevormundet und gegängelt, wenn sie kritisiert werden. Bei Spielleitungen, die alles schlecht und madig reden, was der neue Spieler schreibt kann ich das sehr gut verstehen. Aber die meisten Spielleiter haben kein Interesse daran, ihre Spieler fertig zu machen, denn -überraschung!- sie wollen ihre Spieler behalten. Jeder von uns hat irgendwann mal angefangen, und niemand hört es gerne, wenn ein im Grunde Fremder seinen Spielcharakter kritisiert, in den man Liebe und Herzblut gesteckt hat. Ein Grund, warum manch einer Inaktiv wird könnte also gekränkter Stolz sein.
Dann gibt es die, die sich zu viel vornehmen, die neben Job und anderen Hobbys noch mit sieben Charakteren gleichzeitig schreiben und zusätzlich ein Forum leiten. Sie werden inaktiv aus Angst oder Scham, für ihr Verhalten zur Rechenschaft gezogen zu werden. Sie -wissen- das sie Mist gebaut haben, aber die Panik vor einer Standpauke (von der sie WISSEN, das sie sie verdient hätten) lässt sie handeln wie kleine Kinder, die sich die Finger in die Ohren stecken und die Augen verschließen.
Die dritte Variante sind diejenigen, die sich an den anderen orientieren. Frei nach dem Motto: Wenn du ewig brauchst soll sich keiner beschweren, wenn ich auch ewig brauche oder dann eben gar nicht mehr schreibe.

Für alles gibt es im Grunde eine Lösung:

Redet miteinander!

Es ist so simpel wie erfolgreich.

Ihr fühlt euch zu sehr bevormundet? Sprecht das an!
Beginnt eure Sätze nicht mit: DU hast gesagt…IMMER machst du…
NIE kann ich….
Sondern: ICH habe das Gefühl, dass…ICH fühlte mich in dieser Situation unwohl, weil…ICH hatte dich so verstanden, dass ich das so und so machen soll…

Wir besitzen nur einen leblosen Computer, über den wir kommunizieren. Wir können keine Dinge wie Gestik, Mimik oder Tonlage übertragen, deshalb ist es so wichtig klar zu machen, wie man empfindet. Denn vielleicht habe ich die Aussage meines Gegenübers einfach nur fehlinterpretiert, habe nur verstanden was ich gerne verstehen wollte, tatsächlich hat er aber was ganz anderes gemeint. Das könnt ihr nicht wissen, wenn ihr nicht fragt. Und dein Gegenüber kann es nicht wissen, wenn du nicht deutlich machst was in deinem Kopf vorgeht.
Wir wissen nicht, was andere Menschen denken oder fühlen. Ganz oft interpretieren wir nur ihr Verhalten und sind dann wegen unserer eigenen Gedanken beleidigt.

Ihr habt Angst, weil ihr so wenig Zeit habt und traut euch nicht, das anzusprechen?
(So ging es mir auch schon mal).
Ihr seid im Internet. Niemand wird durch den Bildschirm greifen und euch erwürgen, wenn ihr einen Fehler zugebt. Im Gegenteil. Menschen, die sich zugestehen etwas nicht zu können, zeigen in diesem Moment Größe. Wenn ihr sagt, dass es zeitlich bei euch schwierig ist, dass ihr nicht wisst, wann ihr posten sollt und das ihr Hilfe braucht, dann wird man dafür Verständnis haben. Und diejenigen, die kein Verständnis zeigen, die braucht man nicht wirklich in seinem Umfeld, oder?
Eine gute Community will seine Spieler behalten, dafür wird sie versuchen, euch zu helfen. Natürlich müsst ihr auch selbst überlegen, was ihr tun könnt. Wenn man euch rät Charaktere zu reduzieren, dann denkt ernsthaft darüber nach. Oder sucht nach Alternativen, die ihr anbieten könnt.

Und wenn ihr der Meinung seid, wenn die anderen nix machen, dann muss ich das auch nicht, dann seid ihr leider auf dem Holzweg. Würden alle so denken, dann gäbe es kein Rollenspiel. Jeder muss irgendwann mal anfangen. Wenn es dich nervt, das niemand schreibt, dann mache den ersten Schritt, sprich die Spieler (höflich!) an und frage, was los ist.

Das ist im Grunde die beste Medizin gegen Inaktivität:

Einfach anfangen.

und reden!
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