Die Kunst der Klischees

Das Wort Klischee kommt aus dem Französischen „cliché“, was wiederum auf das Verb clicher zurückgeht und abklatschen/nachahmen bedeutet.
Generell haben Klischees einen schlechten Ruf, bedienen sie sich doch der Erwartungshaltung des Konsumenten. Letztendlich ist ein Klischee nur die Vorstellung darüber, „wie“ etwas (oder jemand) zu sein hat. Durch ihre übermäßige Verwendung werden Geschichten oder Charaktere berechenbar und dröge.
Man hat sie eben schon zig mal gelesen.

Typische Charakterklischees aus Wolfsrollenspielen sind z.B:

Der Charakter…
– hat alle, die er liebt, auf einen Schlag verloren
– ist ein dunkler Rächer und hat schon zig Wölfe abgeschlachtet
– wirkt äußerlich eiskalt, ist aber innerlich zerstört und sehnt sich eigentlich nur nach Liebe
– war zum Alpha geboren, wurde im alten Rudel für diese Aufgabe ausgebildet, ist aber abgewandert ( z.B. durch ein Zerwürfnis mit seiner Familie)
– ist in einem Rudel geboren, nach dessen Regeln er als wertlos galt und dementsprechend schlecht behandelt wurde  (falsches Geschlecht, falsche Eltern, falsche Fell- oder Augenfarbe)
– ist knallhart, „cool“und eigentlich absolut nicht gruppentauglich, hätte er nicht diesen extremen Beschützerinstinkt
– wurde zu unrecht einer Missetat beschuldigt und verbannt
– ist eine „Eiskönigin“: blockt jeden ab, kühl und distanziert, geht von sich aus nie auf jemanden zu, erwartet aber umgekehrt, dass man sich um sie bemüht

Also sagst du, Klischees sind grundsätzlich schlecht und ich solle auf solche Konzepte generell verzichten?

Nope.

Aber du hast doch…?

Okay, sind wir mal ehrlich: JEDER von uns hat sich schon mal so einen klischeehaften Charakterhintergrund gebastelt. Man braucht für seinen Wolf nun mal ein Argument, warum er ein neues Rudel aufsuchen soll. Bei Abenteurern aus Fantasy RPGs ist die Rate an Waisen ebenfalls überraschend hoch, ist doch der Verlust der eigenen Familie DER Grund schlechthin, die große Reise ins Ungewisse anzutreten.

Ohne Klischees kommt so gut wie keine Story oder Charakterkonzept aus. Und das ist überhaupt nicht schlimm, so lange man es nicht übertreibt.
Ist ein Charakter zu klischeehaft, empfinden wir ihn als langweilig, weil man jeden seiner Schritte vorhersehen kann. Hat seine Hintergrundgeschichte zu viele klischeehafte Inhalte, wirkt sie total übertrieben und unrealistisch.

Die absolute Kunst ist es, Klischees zu benutzen und sie originell erscheinen zu lassen.
Vergiss nicht, dass ein Klischee die Erwartungshaltung deines Lesers ist. Dein Leser und Mitspieler wird erst denken: „Ach sooo. SO einer ist das wieder.“ Und dann nimmst du seine feste Vorstellung und überraschst ihn, indem du dem ganzen eine ungewohnte Wendung gibst. Dein Mitspieler sieht das und denkt plötzlich: „Na nu? Das ist ja doch anders ausgegangen, als ich gedacht habe. Coole Idee!“
Überrasche deine Mitspieler! Glaub mir, das finden die viel toller, als immer die gleiche, tragische Hintergrundgeschichte lesen zu müssen.

Ein Meister der originellen Klischees war Fantasyautor Terry Pratchett. In seinen „Scheibenwelt“ Romanen gibt es unzählige Charaktere, die auf den ersten Blick total klischeehaft erscheinen, sich aber durch kleine Details von der Masse abheben und dadurch  an Wiedererkennungswert gewinnen.

Zum Beispiel:

Der Tod
Der Tod wird klassisch als „Sensenmann“ dargestellt. Ein Skelett unter einer langen, schwarzen Robe, in der einen Hand eine Sense, in der anderen ein Stundenglas. Kennt man.
Aber der Tod ist mehr als das: Sein weißes Pferd hört auf den Namen „Binky“. Er hatte auch mal ein cooles Skelettpferd, aber der Kopf fiel ständig ab und das war unpraktisch. Außerdem mag der Tod Katzen (besonders kleine Kätzchen) und hasst es, wenn Menschen ihnen Leid zufügen.

Herr Ixolit
Herr Ixolit ist ein männlicher Banshee. Banshees gelten als furchteinflößend, mit einem humanoiden Körperbau, unnatürlich langen Armen, spitzen Klauen und gargoyleähnlichen Flügeln auf dem Rücken. Der Schrei eines Banshees gilt als Todesomen.
Herr Ixolit ist allerdings sehr schüchtern und oft deprimiert. Selbst zum Ausstoß seines Banshee-Geheuls benutzt er Zettel mit Aufschriften wie UuuuIiiiOoooIiiiiUuuuu und schiebt sie unter Türen durch, anstatt zu heulen, wie es bei richtigen Banshees üblich ist.

Die Elfen
Elfen werden -wie in anderer Fantasyliteratur auch- als groß, schlank und unfassbar schön beschrieben, mit ebenmäßigen Gesichtern und feingliedrigen Händen.
Allerdings enden hier die klassischen Gemeinsamkeiten.
Elfen der Scheibenwelt sind grausam, brutal, eitel, herrschsüchtig und haben einem Hang zum Sadismus. So jagen sie zum Spaß Menschen und quälen sie zu ihrer Unterhaltung.
Elfen werden immer so gesehen wie sie gesehen werden wollen. Sie täuschen den Menschen vor, sie seien wunderschön und man müsse ihnen dienen. Um Menschen willenlos zu machen singen sie betörende Lieder.

Das Spiel mit Klischees und ihre Umkehrung in etwas originelles ist viel spannender, als der krampfhafte Versuch, unbedingt auf sie verzichten zu wollen. Probier es mal aus!

In diesem Text kommt 15x das Wort Klischee vor und dafür entschuldige ich mich
(16x…Mist).
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