Was dem Antihelden am nächsten kommt

In dem Artikel Warum Antihelden schlechte Rollenspielcharaktere sind, habe ich bereits erläutert warum ich nicht glaube, der das „klassische“ Antiheld aus Fernsehen und Literatur für das Rollenspiel geeignet ist. Spicken wir mal kurz rüber zu Onkel Wikipedia, was der dazu zu sagen hat: „Die Merkmale des Antihelden sind häufig:

  • Isolierung und Einsamkeit (Außenseiter-Dasein)
  • Passivität und Langeweile (im Gegensatz zum aktiven Eingreifen/Handeln)
  • Eine kritische Haltung gegenüber der Gesellschaft
  • Melancholie/Resignation
  • Stetiges Scheitern und Verlieren, welches sich etwa in nicht möglichen Verwirklichung von Träumen oder auch Idealen zeigt.

In den verschiedenen Werken mit Antihelden zeigen sich auch weitere Merkmale beziehungsweise Interpretationen dieses Figurentypus, so dass diese Aufzählung nicht allgemeingültig sein kann.“

Aha. Die ersten beiden Punkte fallen für das Rollenspiel schon mal weg. Mit solchen Charakteren will keiner was zu tun haben. Aber aus dem Rest, na, da kann man doch was machen. Wenn man’s nicht übertreibt.

Charakterbeispiel 1:
Eine kritische Haltung gegenüber der Gesellschaft = Mittelgradig
Melancholie/Resignation                                          = Geringradig
Stetiges Scheitern und Verlieren                             = Mittelgradig

Jemand, der viel durchgemacht hat in seinem Leben, der darf der Gesellschaft kritisch gegen überstehen. Aber statt sofort alle anderen Lebewesen als „böse“ ab zu tun, hat der Chara vielleicht nur ein Problem mit Männern/Rüden oder Frauen/Fähen, weil er von eben jenem Geschlecht oft enttäuscht worden ist. Darum ist er nicht nur etwas reservierter dem einen Geschlecht gegenüber, er hat damit auch wenig Erfahrung oder sogar Vorurteile, weshalb er dann doch immer scheitert, wenn er sich mal annähern möchte.

Charakterbeispiel 2:

Eine kritische Haltung gegenüber der Gesellschaft = Geringgradig
Melancholie/Resignation                                          = Hochgradig
Stetiges Scheitern und Verlieren                             = Mittelgradig

Vielleicht wurde ihm in seiner Jugend gesagt, das aus ihm nie etwas werden wird, so sehr das er irgendwann selbst dran geglaubt hat und keinem Beruf mehr nachgehen kann/will. Trotzdem glaubt er aber an die Liebe und an Freundschaft, ist es doch das einzige was ihm geblieben ist. Aber die vielen Schicksalsschläge haben ihm ein geringes Selbstbewusstsein beschert, weshalb er sich zwar Kontakte wünscht, sich aber stets selbst im Weg steht. An diesen Beispielen sieht man jetzt zwei unterschiedliche Antihelden-Konzepte. Der erste Char ist mehr extrovertiert, hat Vorurteile wegen seiner Enttäuschungen und benimmt sich darum manchmal daneben. Aber so ist er nicht zu jedem, und dadurch erhält er Anknüpfungspunkte für’s Rollenspiel. Er wird eher zu den Männern hingehen wenn er Frauen doof findet und umgekehrt. Beim zweiten haben wir eher den introvertierten Typ. Er will so gerne Anschluss finden, traut sich aber nicht so richtig. Wem das noch nicht „badass“ genug ist kann ihn natürlich eher brummelig als „ängstlich-traurig“ darstellen. Doch auch hier gilt, die Dosis macht das Gift.

Schnauzt nicht jeden an dem ihr begegnet, bleibt anspielbar für eure Playpartner und zeigt hier und da die andere, kleine Schwäche.

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4 Antworten zu “Was dem Antihelden am nächsten kommt

  1. Die Beschreibung des Antihelden in Wikipedia ist recht einseitig – Antihelden wirken darin sehr passiv. Aber oftmals – zum Beispiel in Comics, Büchern oder der Kunst – sind Antihelden aktiv die Personen, die zwar nicht in die Gesellschaft passen, die aber vielleicht auch versuchen, sie zu verändern, ihre eigenen Ziele zu verfolgen. Mit diesen Zielen ecken sie dann oftmals an, ignorieren die Wünsche Anderer und werden in Geschichten dadurch oftmals zum typischen Bösewicht. Nehmen wir zum Beispiel Luzifer. Er war ursprünglich auch nur ein Engel, der die Verhältnisse ändern wollte. Er dachte anders und hat seine Ziele verfolgt. Für den Himmel wird er zum Rivalen und damit zum Antiheld. Ich denke das ist ein weiterer wichtiger Aspekt dieser Charaktere – und ohne die kann eine gute Story und damit auch das Rollenspiel nicht überleben. Verschiedene Auffassungen müssen immer in gewisser Weise aneinander ecken. Das ist ein Teil des Spannungsaufbaus, der jedes Forum am Leben erhält.

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    • Ich glaube, hier sind einige Dinge durcheinandergeraten, die ich vielleicht nicht deutlich genug gemacht habe.
      Zum einen hast du Recht, dass nicht alle Antihelden passiv sind und die gegebenen Zustände der Welt, in der sie leben, einfach hinnehmen. Die von Wikipedia übernommenen Merkmale sind – wie auch darunter geschrieben steht – nicht in allen Fällen zutreffend, sondern geben nur eine grobe Richtung an.
      In diesem Zusammenhang ist Luzifer meiner Meinung nach auch ein schlechtes Beispiel. Luzifer ist kein Antiheld, nur weil er die Zustände im Himmel ändern möchte, er ist, wie du ja auch selbst sagst, der Rivale. Der Rivale einer klassischen Erzählstruktur erfüllt nicht die Funktion eines Antihelden. Natürlich kann man von der einen Funktion in die andere wechseln (hier sei noch einmal Vegeta erwähnt, der als Rivale eingeführt wird, dann aber sich doch als Antiheld der Seite der „Guten“ anschließt), aber gleichzeitig Antiheld und Rivale ist meinem Verständnis nach ausgeschlossen.
      Darüber hinaus habe ich nichts dagegen, dass es Spannungen zwischen den Spielercharakteren gibt. Es hilft dem Rollenspiel, wenn man mal ab und zu „aneckt“, aber dies sollte nicht so weit gehen, dass man für eine gelungene Charakterdarstellung auf die Reaktionen anderer angewiesen ist. Ein Charakter, der die Wünsche der anderen ignoriert und nur seine eigenen Ziele verfolgt, hat für mich nichts mit gutem Rollenspiel zu tun.
      Nehmen wir mal Han Solo als Beispiel. Han Solo beginnt als der klassische Antiheld. Er stellt sich auf die Seite von Luke, allerdings nur, weil er damit seine eigenen Ziele verfolgt. Er ist dickköpfig, aufsässig und am liebsten hat er seine Ruhe (Chewbacca einmal ausgenommen). Damit ist er in seiner Darstellung extrem davon abhängig, wie die anderen Figuren auf ihn reagieren. Erst, als er sich später freiwillig der Rebellion anschließt, wird er zu einem aktiven Helden. Als solcher hat er immer noch seine Macken (seine gewaltige Eifersucht beispielsweise) und eckt damit an, aber er ist nicht mehr ausschließlich darauf angewiesen, durch die Interaktion mit den anderen Figuren dargestellt zu werden. Der späte Han Solo (als Held) wäre damit ein guter Rollenspielcharakter, der frühe Han Solo (als Antiheld) dagegen nicht.

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      • Das ist interessant dargestellt. In vielen Literaturquellen werden Rivalen, wie du sie nennst, mit Antihelden in einen Topf geworfen. So wie du es erklärt hast macht es aber in meinen Augen mehr Sinn. Allerdings denke ich dass auch ein Antiheld durch äußeren Einfluss dazu gezwungen sein kann, Aktionen zu tätigen und aktiv zu werden. Dadurch und durch die Art wie er geschrieben ist kann er dem Rollenspiel, von dem er abhängig ist, wieder etwas zurück geben.

        Ich kann mir aber vorstellen dass das Alles für einen Anfänger recht kompliziert und furchteinflößend ist. Was hältst du von einer einfacheren Übersicht?^^

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      • Erstmal vielen Dank für dein konstruktives Feedback. Das freut mich sehr.
        Nun nochmal zu deinem Text:
        Ich bin nicht der Meinung, dass sich ein Anfänger überhaupt an die Rolle des Antihelden wagen sollte, eben WEIL sie so komplex ist.
        Insofern ist die Abschreckung auch ein wenig gewollt ;). Dagegen findet vielleicht ein etwas erfahrener Spieler (für den dieser Blog auch gedacht sein soll) der sich mit dem Thema auseinandersetzen mag eine Hilfestellung, wie man die Rolle des Antihelden rollenspielverträglich verkörpern kann.

        Falls du mit mir noch mehr darüber reden magst, können wir das gerne tun. Mir wäre es nur sehr lieb wenn wir das über Email oder Skype machen könnten, da ich ich die Kommentarfunktion ungern für lange Gespräche nutzen möchte.

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